Zweiter 24 Stunden-Intensivurlaub am Klopeiner See
Als ich 2003 bei meinem ersten Antritt hier kurz vor dem Rennen gefragt wurde, was ich mir denn vorgenommen hätte, gab ich zur Antwort: „Urlaub! 24 Stunden Urlaub am Klopeiner See!“ Einen Tag und 225,5 Kilometer später konnte ich kaum noch gehen. Schöner Urlaub, und ganz schön blöd, vor allem für einen Sieger!
Deshalb nahm ich mir diesmal sicherheitshalber lieber nichts vor. Okay, natürlich hatte ich mir vorstellen können, 210 bis 215 Kilometer zu schaffen. Dies war jedoch kein Ziel für mich, welches ich unbedingt erreichen wollte. Dafür nehme ich derzeit an zu vielen Veranstaltungen teil.
So kam es nach rund der Hälfte des Bewerbes dazu, dass mir die Kilometer gar nicht mehr wichtig waren. Ich lag fortan über viele Stunden drei Runden (á 1.733 Meter) vor dem Zweitplatzierten, und das, ohne ihn ein einziges Mal zu Gesicht zu bekommen. Egal, ob ich mir bei der Verpflegung oder beim Ratschn mit den Leuten an der Strecke Zeit ließ, ob ich einige flottere Runden drehte oder auch mal eine Runde gehend absolvierte; der Abstand zum Zweiten waren stets diese 3,6 bis fünf Kilometer.
Ich entschloss mich also recht bald, die Führung so lange wie möglich zu halten und nicht zu versuchen, an meine Grenzen zu laufen. Schließlich stand ja bereits eine Woche später der 12-Stundenlauf in Fellbach bei Stuttgart auf dem Programm. Außerdem schwirrte mir ab und zu beim Gedanken an meinen neuerlichen Sieg hier am Klopeiner See mein körperlicher Zustand von vor fünf Jahren durch den Kopf. Dass ich mich wie damals nach dem Lauf nur noch von zwei Seiten gestützt fortbewegen kann, wollte ich um die Burg nicht mehr erleben.
Und siehe da, genau das Gegenteil war am Ende der Fall. So gut hatten sich meine Beine nach über 190 Kilometern am Stück noch nie angefühlt. (Schließlich bin ich das 185 Meter lange und am Ende recht steile Gefälle von der Seepromenade hinauf zur Straße meist nur sehr langsam und kraftschonend gelaufen. Okay, das werden jetzt wohl nur Insider und Andersdenkende verstehen!?) Selbst mein knapp 75-minütiger Endspurt über 12 Kilometer zur Kosmetik dessen, was in die Annalen eingehen wird, änderte kaum was daran. Da war wirklich nicht viel zu spüren, außer zweier Wasserblasen, die sich bereits zwei Stunden nach dem Start bildeten. Ach, wie hatte ich mich da schon auf meinen nächsten Barfußlauf gefreut. Auch den Wackerstein, den ich ab den frühen Morgenstunden in meinem Magen vermutete, und der mich lange Zeit am Essen und Trinken hinderte, war ich dank eines genialen Tipps eines Laufkollegen längst los. (Die Sache mit dem Cola-Salz-Gebräu vergesse ich Dir nie, lieber Günther. Tausend Dank dafür!)
Woran ich in diesen Tagen in Kärnten meine besondere Freude hatte, war mein Freund und Laufkamerad André Lange. Er ging zum zweiten Mal in dieser Disziplin an den Start und brachte es inklusive drei Stunden Matratzenhorchdienst auf beachtliche 178,5 Kilometer. Was er in den letzten Stunden zeigte, sah hervorragend aus und bedeutete zum Schluss den dritten Gesamtrang. Gemeinsam laufend wurden wir vom Fachmann fürs Verbale, dem besten Streckensprecher, den ich je erleben durfte und den ich nun schon etliche Jahre kenne, dem lieben Peter Holzer aus Klagenfurt, stets als „Deutschland-Express“ bezeichnet. Aber nicht nur Andrés Abschneiden freute mich. Es war wohl viel mehr die Tatsache, dass er erstmals bei einer Laufveranstaltung seine Familie dabei hatte. (Somit konnte er gar nicht anders, als unbeschwert seine Runden zu drehen. ) Wie sehr mich das doch an frühere Zeiten erinnerte, als die Mücken noch zu viert unterwegs waren. Ach, wie (anders) schön das doch war!
Was mich dieses Wochenende wieder sehr kurzweilig erscheinen ließ, waren außer den Langes zahlreiche andere Bekannte und einige neue Bekanntschaften. Durch die Bank lauter liebenswerte Menschen, wie ich sie in dieser Qualität und Quantität seit langem nur beim Ultramarathonlauf treffe. Sich in diesen Kreisen bewegen zu dürfen, empfinde ich als großes Geschenk.
Quasi stellvertretend für alle, die mir und meiner Evi dieses schöne Wochenende bescherten, überreichte ich dann bei der Siegerehrung das gewonnene Bild des laufenden Malers (oder ist er malender Läufer?) Hans Enzersfellner an meinen lieben Freund Werner Biro und seine Frau Silvia aus Leoben. Durch Werners Einladung zu seinem 6-Stundenlauf zugunsten der Lebenshilfe Leoben war ich 2003 überhaupt erst an den Klopeiner See gekommen. Wenn Werner, wie bereits zwei Wochen zuvor in Vogau, mit an der Strecke ist, langt er auch immer wieder mal hin. Muskeln zu lockern und müde Beine wieder fit zu machen, gehört zu seinen Spezialitäten. Okay, ich musste Werner diesbezüglich nicht in Anspruch nehmen. Mir genügt, wenn ich an seiner Seite meine Runden drehen darf oder ich ihn zumindest in meiner Nähe weiß. Mehrere meiner Laufkollegen, die nach dem „Körperkontakt“ mit ihm wieder wie ausgewechselt ihre Bahnen ziehen konnten, werden dies ebenfalls dankend bestätigen: Dieser Typ ist einfach ein Glücksfall! Alleine, um ihm und seiner Frau dieses Geschenk zu machen, habe ich gerne gewonnen.
So war es einmal mehr ein wunderbarer Ausflug zu unseren Nachbarn nach Österreich. Obwohl die Veranstaltung mehr Teilnehmer verdient gehabt hätte, sorgten die, die samt ihren Betreuern und Fans dabei waren einschließlich der euphorischen Rundenzähler und Helfer für eine beeindruckende Stimmung. Gerne kommen die Mücken in zwei Jahren wieder nach Kärnten und machen 24 Stunden Urlaub am Klopeiner See.
Und hier sind Evi und ich vor und nach dem Lauf eingekehrt. Dies ist keine Werbung, dies ist ein Geheimtipp! Die supernetten Jeannette und Hardy Marolt mit ihren drei Kindern haben die Läufer auch kräftig angefeuert. |