Ein Engel namens Johanna
Eigentlich war mein Bericht bereits in der Nacht vor dem Marathon fertig. Er sollte heißen „Brennende Fußsohlen in Regensburg ... ... und das bereits am Abend vor dem Lauf.“ Wie im Vorjahr hatte der Marathon-Veranstalter nämlich die Band Chesty Morgan engagiert, um die zahlreichen Helfer und Läufer samt Anhang in die richtige Stimmung für den Folgetag zu bringen. Und wie im Vorjahr musste ich mich bei diesem genialen Sound auf die „Tanzfläche“ begeben – natürlich barfuß. Diese war wie gewohnt recht schlecht gewachst, was heißen will, der Asphalt vor der Bühne ist hier rau ohne Ende. Obwohl meine Fußsohlen schon jetzt ziemlich brannten, hatte es sich gelohnt, bis eine halbe Stunde vor Mitternacht auszuhalten, um mit „Leaving on a jet plan“, dem letzten Lied des Abends, förmlich abzuheben. Doch in Wirklichkeit wollte ich gar nicht weg. In neun Stunden würde ja hier für Pumuckl der Startschuss fallen, und der hatte sich ein bisschen was vorgenommen für diesen Marathon. Was mir dabei dann geschah, ließ meinen Bericht dann doch etwas anders als ursprünglich geplant ausfallen, und zwar so:
Ich dachte, ich hätte nach über 370 Laufveranstaltungen alles durch, was es an Überraschungen in diesem Sport gibt. Weit gefehlt!
Für diesen Marathon hatte sich Pumuckl erstmals vorgenommen, unterwegs nicht ganz so oft einzukehren. Einfach mal unter 3:40 Stunden laufen stand für dieses Wochenende auf dem Programm. Von den beiden letzten Marathons hier in Regensburg stammte auch die in meiner Statistik eingetragene Bestleistung über 42.195 Meter barfuß. Dass es schneller gehen müsste, war mir klar. Ein Bierchen an der Strecke weniger, nicht ganz so lange mit den Zuschauern geratscht, und schon sollte es klappen. Was mir allerdings nicht klar war, und davon war nicht mal zu träumen, ist die Tatsache, dass mir exakt an diesem Tag ein Geschenk in Form einer „Tempomacherin“ zuteil werden sollte, einer absolut sympathischen noch dazu.
Es dürfte bei Kilometer 11 oder 12 gewesen sein, als ich auf die Gruppe derer auflief, welche die 3:14 Stunden anpeilten. Der große über ihnen schwebende Ballon verriet sie bereits von weitem. (Der 3:29-Zugläufer fiel übrigens auf dem zweiten Kilometer schon nicht mehr auf. Sein Ballon platzte unmittelbar vor mir mit einem lauten Knall. Die Äste des ersten Baumes, unter dem wir hindurch liefen, wurden diesem zum Verhängnis. Vielleicht sollte beim nächsten Mal nicht nur in die Länge, sondern viel mehr räumlich gedacht werden. Noch sicherer jedoch: Man führt vor derartigen Gefahrenstellen eine Höhenkontrolle für Zug- und Bremsläufer ein. )
So, ich jedenfalls locker an der Gruppe der 3:14er vorbei – natürlich in dem Bewusstsein, nach mindestens einer Rast hinter den meisten der hier gemeinsam Laufenden ins Ziel zu kommen. Neben diesen Läufern fuhr beziehungsweise lief (zumindest passierte beides ständig gleichzeitig) eine junge Dame auf einem Tretroller her, worüber ich mir aber nicht weiter Gedanken machte. Als ich mich schon etwas abgesetzt hatte, rollerte zu meinem Erstaunen „dieses Geschenk“ von hinten daher und fragte mich, ob sie mich begleiten dürfe.“ Ja aber klar doch, liebend gerne!“ Sie meinte, ich könne ihre Gegenwart sicher besser brauchen als ihr Freund in der 3:14er-Gruppe. Schließlich wäre ich ja alleine unterwegs und noch dazu barfuß. Die Antwort auf ihre nächste Frage spare ich mir hier. Sie wollte wissen, ob es mir denn etwas ausmachen würde, wenn ich mich mit ihr, während ich laufe, unterhalten würde. (Sie kannte mich ja noch nicht! ) Und so hatte ich bis fünf Kilometer vor dem Ziel nicht nur eine flotte Schrittmacherin, sondern obendrein auch eine supernette Gesprächspartnerin, mit der ich die Euphorie dieses Marathons teilen durfte. Die Kilometertafeln schienen förmlich an uns vorbei zu fliegen und an einen längeren Stop verschwendete ich keinen Gedanken. Beinahe schon obligatorisch blieb ich auf dem Rückweg nur bei den beiden Pumuckl-Fans von der Feuerwehr stehen. Schließlich sehen wir uns ja nur einmal im Jahr am Regensburger Marathontag. Bei ihnen stärkte ich mich kurz mit ein paar Schlucken Hopfenkaltschale.
Als mich Johanna, so heißt übrigens meine charmante Begleitung, kurz vor dem Stadtzentrum verließ, um nach ihrem Freund zu sehen, da brauchte ich mich trotz schmerzender Fußsohlen nur noch von den Zuschauermassen ins Ziel tragen lassen. Wie weh schnelles Barfußlaufen tun kann, wurde mir an diesem Tag sehr deutlich gemacht. Der Vorabend und die vielen, vielen Kilometer dieser Laufstrecke mit Würzburger Tanzflächencharakter trugen dazu bei, dass ich hinterher im Ziel kaum mehr einen Schritt gehen wollte (oder müsste es nicht eher heißen „konnte“?). Dafür blieb die Uhr für mich bei 3:11:44 Stunden stehen. Wem ich diese Zeit zu verdanken habe, werde ich bestimmt nie vergessen. Danke Dir, liebe Johanna!
Mir fielen auf der Heimfahrt von Regensburg die Frauen ein, die in weißen Gewändern am Streckenrand standen und bereits am Vortag auf der Marathonmesse Spenden für die Mukoviszidoseforschung sammelten. Das wirklich auffällige an ihnen waren die Flügel, die sie trugen. Haben Engel wirklich Flügel? Johanna hatte keine, doch sie wurde mir ganz bestimmt vom Himmel geschickt. |